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Die "gartenlose" Winterzeit
Ich möchte einmal kühn behaupten, dass für 80 % der Gartenbesitzer - besonders in Deutschland - der Winter eine völlig gartenlose Zeit ist. Spätestens Ende Oktober beginnt der ordentliche Gartenliebhaber - getreu dem Motto: "das machen wir schon immer so" - den Garten "winterfest" zu machen. Wenn sich dieses "winterfest machen" auf den Schutz von frostempfindlichen Gehölzen oder Stauden beziehen würde, hätte ich überhaupt nichts dagegen. Aber "winterfest" bedeutet bei den meisten Gartenliebhabern alles abschneiden, was abzuschneiden geht und alles wegharken, was wegzuharken geht! Kein Blatt liegt am Boden und kein Samenstand bleibt stehen. Übrig bleibt ein ordentlicher Garten mit ein paar immergrünen Gehölzen, der weder Unterschlupf für Kleinlebewesen noch Nahrung bietet. Aber nicht nur für Kleinlebewesen ist solch ein Garten trostlos, er ist auch nicht besonders schön anzusehen. Gärten zeigen gerade im Winter ihr ungeschminktes Gesicht und ohne Stauden oder Sommerblumen sehen sie im Winter unattraktiv platt aus. Das muss nicht sein. Der Garten hat nämlich, ob mit oder ohne Schnee, während der kalten Monate seinen ganz besonderen Reiz - man muss nur genauer hinsehen. Denn während dieser eher kargen Jahreszeit fallen ganz andere Dinge ins Auge, nämlich Strukturen und Kontraste. Der Winter schult das Auge und man erkennt Dinge, die in der Üppigkeit des Sommers untergehen wie z.B. die verschiedenen Knospenformen, besondere Blattformen und auch die teilweise interessanten Rinden der Gehölze, wie z.B. beim Zimtahorn (Acer griseum). Manche Gehölze finde ich im Winter wegen ihres Wuchses und ohne Laub attraktiver als im Sommer. Die formal angelegten Gärten mit ihren Buchsbaumhecken und Formgehölzen aus immergrünen oder laubabwerfenden Gehölzen sind im Winter generell schön anzusehen. Das Gerüst des Gartens mit seinen Ecken und Kanten ist nun klar zu erkennen. Schöne Bänke und Stühle laden auch in der Wintersonne zum Träumen ein. Hinzu kommen schöne Mauern, Zäune, Pergolen, Rosenbögen, winterlich dekorierte Tischchen, aus verschiedenen Materialien geformte Kugeln und Dekorationen aus Eisen - der perfekte Garten im Winter. Hat man sich aber - wie wir - für einen naturnahen Garten entschieden, ist die Gestaltung für den Winter schon etwas schwieriger. Wir haben daher Buchs- oder Eibenformgehölze (Kugeln, Kegel usw.) verstreut gepflanzt. Sie geben im Sommer den Stauden eine natürliche Stütze und im Winter sorgen sie für Struktur. Auch Efeu lässt sich wunderbar als immergrüner Gerüstbilder für die Winterzeit einsetzen. Die panaschierten (buntlaubigen) Sorten sehen in den tristen Novembertagen besonders reizvoll aus. Es gibt unter den ca. 270 verschiedenen Sorten nicht nur die üblichen wilden Klimmer, die - haben sie erstmal das Hausdach erwischt - problemlos auch nach drinnen gelangen können. Wir haben 55 Sorten in unserem Garten verteilt, darunter ausgesprochen langsam wachsendes Efeu sowie Strauchformen. Wir sind gespannt, wie sich die unterschiedlichen Sorten entwickeln und welches Wuchsverhalten sie haben. Aus abgeschnittenen Clematisranken, Weide oder Jelängerjelieber (Lonicera) fertige ich gern Kugeln oder Kränze, die im Garten platziert werden. Sie dienen nicht nur als Unterschlupf für Kleinlebewesen, sie sehen auch noch dekorativ aus. Irgendwann vergehen sie, dann kommen sie auf den Kompost. Schöne Wurzeln und Steine haben nun ihren Auftritt, weil sie im Sommer zwischen all‘ den Farben nicht wahrgenommen werden. Zu den immergrünen Gehölzen kommen noch die wichtigen immergrünen Stauden, wie z.B. Bergenien in verschiedenen Sorten und die zarten Elfenblumen (Epimedium). Hier einige wintergrüne Sorten: E. pinnatum ssp. colchicum, E. perralderianum, E. pubigerum, E. sagittatum. Die Staudengärtnerei Annemarie Eskuche hat ein reichhaltiges Angebot (s.auch Textbeitrag über Bergenien). Bei den immergrünen Farnsorten gibt es auch einige, die im Winter grün bleiben: Hirschzungenfarn (Phyllitis scolopendrium) und Tüpfelfarn (Polypodium vulgare), Schild- und Schwertfarn (Polystichum) nur in milden Wintern. Streifenfarn (Asplenium) und Frauenhaarfarn (Adiantum) sind halbimmergrün. Aber auch Palmlilie, Haselwurz, verschiedene Liriopen, das sind grasähnliche Stauden mit perlenartigem Fruchtschmuck (gibt’s auch panaschiert) und einige immergrüne Gräser sind im Winter attraktiv. Auch manche vertrocknete Stauden oder Ziergräser sehen, wenn sie mit Schnee oder dichtem Winterreif bedeckt sind, interessant aus und haben einen morbiden Charme. Die Halme der Gräser bleiben ohnehin im Winter stehen, da die Pflanzen so besser vor Frost und Fäulnis geschützt sind. Nur Sorten, die sich stark versamen (Waldschmiele, Zittergras u. Flaschenbürstengras), werden um die Hälfte eingekürzt. Viele Blütenstände der Stauden sind sehr wichtig, denn die Samen dienen in der kalten Jahreszeit der Vogelnahrung. Besonders Fetthennen, Brandkraut (Phlomis), Sonnenhüte (Echinacea), Schafgarbe, Japananemone, Purpurdost und Edeldisteln sollte man nicht abschneiden, sie sind im Winter sehr eindrucksvoll (Voraussetzung: Kein Dauerregen!) Karl Foerster sagte schon: "Es wird durchgeblüht". Das ist, wenn man sich einmal mit diesem Thema befasst, gar nicht so schwer. Ab Anfang Dezember blühen schon die ersten Schneeglöckchensorten (Galanthus), von denen es mittlerweile über 650 Sorten und Arten gibt. Winterlinge (Eranthis) sorgen bei Sonnenschein Ende Januar schon für üppige Bienennahrung, dicht gefolgt vom Elfenkrokus und anderen Krokussorten. Auch das winterharte Alpenveilchen Cyclamen coum beginnt nun zu blühen (im Sommer das duftende C. europaeum, im Herbst C. hederifolium mit efeuartigen Blättern u. C. cilicium). Die kleinen gezeichneten Blätter sind im Winter zudem ein Blickfang. Christ- und Lenzrosen (Helleborus) sind wohl die bekanntesten winterblühenden Stauden. In den meisten Gärten ist aber nur die weiße Helleborus niger oder vielleicht eine violette Helleborus orientalis zu finden. Auch hier gibt es viele unterschiedliche Arten und Sorten mit ganz verschiedenen Blütenformen - grün blühende, Blüten mit Punkten oder ohne, doppelt oder einfach gefüllte, anemonenblütige, es gibt rundliche Schalenblüten oder gezipfelte - nur allein die Helleborusblüte ist ein Fest. Die vielen unterschiedlichen Leberblümchen (Hepatica) möchte ich gar nicht erst aufzählen, dies würde eine ganze Seite füllen. Dann gibt es noch die blühenden Vorfrühlingsgehölze: Die Zaubernuss (Hamamelis) kennt wohl jeder, aber es gibt hier verschiedene Sorten mit unterschiedlichen Farben und Blühzeiten. Schmuckmahonien, die nach Maiglöckchen duften. Die immergrüne Fleischbeere (Saracocca) mit ihren duftenden Blüten wird kaum einer kennen; es gibt sie als Bodendecker und als Kleinstrauch. Auch von Jelängerjelieber, die viele als Kletterer kennen, gibt es einige interessante und unbekanntere Sorten: Lonicera x purpusii z.B. beginnt schon im Januar mit der Blüte. Das Gehölz ist unkompliziert und auch noch schattenverträglich. Cremeweiße Blüten öffnen sich bei milden Temperaturen und verströmen ihren lieblichen Duft. Schon ein kleiner Zweig im Haus macht fröhlich! Von den Winterblüten (Chimonanthus) gibt es viele interessante Sorten. Chimonanthus praecox beginnt im Februar zu blühen. Das Gehölz wächst leider etwas sparrig, was mich bisher davon abgehalten hat, es zu kaufen (unser Garten ist leider randvoll!). Aber gerade in der Winterzeit braucht man alles im Garten, was die Natur an Frühblühern hervorgebracht hat und das Herz erfreut. Ich werde daher mal versuchen, das Gehölz an der Hauswand als Spalier zu ziehen. Die Waldhasel (Corylus avellana) blüht zwar später, ich wollte dieses schöne Kleingehölz aber nicht unerwähnt lassen. Ein Garten ist im Winter nicht tot - nur wenn man es will! |